12. Januar 2013

Auf Dir, mit Dir, an Dir. Um Mich.


Zwei Jahre sind nun schon vergangen
und wir brauchten nicht zu bangen.
Ausgehalten hast du mich.
Schau nicht so, ich weiß:
Es ist unglaublich.
… unvorstellbar, eigentlich.

Doch was noch fehlt ist leider klar:
Wir sind uns immer noch nicht nah.
Noch heul’n wir Wasser und auch Rotze,
denn die räumliche Distanz,
ist eine blöde Fotze
Ups, jetzt hab‘ ich mich verschrieben!

Was ich mir wünsch‘,
ist aufzuwachen, einzuschlafen neben Dir
ob mit Mundgeruch nach Bier,
ob mit Blähungen und ohne,
jede Nacht wär‘ eine Pracht.
Auf Dir, mit Dir, an Dir.
Dich anzufassen, Liebe zu machen.
Und noch ganz viel andre Sachen.
Auch, wenn ich trotzdem davon schwärm‘,
zusammen wohnen liegt noch fern.
Und ich sage es nicht gern‘,
ich bin nicht ordentlich - vergiss das nicht!
Und bedenke was dir blüht,
denn es werden keine Blumen sein!
Leider auch kein Minischwein :(

Ich bin stolz auf meinen Mann,
der (fast) alles kann.
Mich glücklich machen, trösten, lieben.
Hier und jetzt,
auch morgen noch.

Und wenn wir nicht gestorben sind,
dann lieben wir noch heute.
Drum nimm mich jetzt und küss mich doch
Wer weiß, wie lange noch!

In Liebe, deine Frau.

(gekürzte Fassung) 

9. Januar 2013

6:45 Uhr


Ein Tag, grau und trist. Als hätte man die Welt in einen Sarg gesteckt.
Die frühmorgendliche Quälerei, kalte Finger krallen sich an warme Kaffeetassen. Die Frisur sitzt nicht, sie steht.
Morgens aufstehen ist wie der Bau des Berliner Flughafens: Man will es aber es funktioniert irgendwie nicht.
Bäume sehen aus wie Schwerverbrecher, die dir auflauern aber nicht wissen wann sie zuschlagen sollen. Sie warten lieber bis du von selbst hinfällst.
Das Heulen des Windes klingt wie das Heulen der mageren Models in Castingshows, die nicht weinen, weil sie von den anderen gemobbt werden, sondern weil sie Hunger haben.

Den heutigen Tag belastet die Thematik um Geburt und Tod. Eine Antithese, die keine sein will, sondern lieber leben möchte. Menschen sind eine Antithese. Sie besitzen kein Ich, sondern bestehen aus Ich-Facetten. Wer morgen dein Freund ist, kann übermorgen schon dein Feind sein.

Sigmar Gabriel hatte übrigens eine schlimme Kindheit. Die hatten andere auch aber er ist Politiker. Die Van der Vaarts haben sich getrennt. Das tun andere Paare auch aber sie sind keine Prominenten. Ich habe die Wulffs vergessen. Aber das tun andere auch.

4. Januar 2013

Dirty Talk mit Orangenhaut

Es gibt interessante und lehrreiche Zeitschriften, die man liest, weil man hofft dadurch mehr Wissen zu erlangen.
Und es gibt Frauenzeitschriften.
Frauenzeitschriften kaufe ich mir, um nicht während dem Lesen nachdenken zu müssen. In schweren Zeiten, durch Schulstress geprägt, möchte man sich nicht geistig anstrengen. Man versucht jeglichen Denkprozessen zu entgehen, welche das Hirn zum Schwitzen bringen und weicht Fachmagazinen aus, die die Synapsen zu sehr beanspruchen würden.
Ich bewege mich also stets unauffällig zur Zeitschriftenecke. Natürlich macht es die breite Auswahl schwierig sich für nur ein einziges Heft zu entscheiden. Deswegen kauft man meistens lieber direkt drei, da in dem einen vielleicht mehr Sextipps stehen als in dem anderen.
Als ich noch keinen Freund und keinen Sex hatte, waren Sextipps für mich eine Offenbarung und der Weg zur vollkommenen Erfüllung, die mich in meinem weiteren Leben sexuell erfolgreich machen würden, so dachte ich. Insgeheim hoffte ich wahrscheinlich, sie könnten mich zur Sexgöttin mutieren lassen. Der überdurchschnittliche so genannte Sex-IQ war für mich fortan das wonach ich strebte. Dass das meiste allerdings vollkommener Schwachsinn war habe ich erst verstanden als ich die ersten sexuellen Erfahrungen gesammelt hatte, um dann herauszufinden, dass Dirty Talk  nicht unbedingt jederman(n)s Sache ist. Im Gegenteil. Im Bett ein „Fick mich, du dreckige Sau!“ loszulassen kann erstens eine peinliche Stille verursachen und zweitens irritierte Blicke am nächsten Morgen. Und im nächsten Moment sind sie dann weg. Wäre nicht die eigene Dummheit schuld gewesen, hätten sich wahrscheinlich schon Horden von Mädchen versammelt, um Schadensersatz für die vielen weggelaufenen Männer zu fordern.
Was sich mir noch nicht ganz erschließt ist das Mysterium um die abgebrochenen Lippenstifte, ausgeschütteten Puderdöschen und zerbröckelten Lidschatten. Zu Hause rege ich mich mit animalischen Urlauten über meine runtergefallene Schminkbox auf, und andernorts sitzen Menschen, die Schminke zum Spaß runter schmeißen und davon auch noch Bilder machen.
Was ich auch gern zu tun pflege, wenn es mir nicht gut geht ist, mir die Kolumnen in solchen Heften durchzulesen und stelle dann fest, dass es tatsächlich Frauen gibt, die noch mehr Probleme zu haben scheinen als ich. Frauen, welche sich nicht zwischen zwei Männern entscheiden können, die beide hübsch und intelligent sind. Ich würde nicht nachdenken und darüber schreiben, nein, ich würde direkt beide nehmen – ohne vorher nachzudenken. Solche Frauen bleiben vor jedem Spiegel stehen, lassen ihre Hose runter und betatschen weinend ihre Orangenhaut, während sie leidvoll stöhnen, um dann zum Abendessen trotzdem weiter Schokolade zu essen – als Hauptgang.
So, und morgen kauf‘ ich mir die JOY.

Der vierte Tag: Abschied von Gesellschaftsspielen.

Auch am vierten Tag wurde mein Orientierungssinn nicht unterstützt und so musste er abermals herumirren und die vorbeieilenden Schwestern trotz Hilflosigkeit ehrlich anlächeln. Irgendwann wurde dann einer netten Dame – als wir uns das fünfte Mal in der selben Station über den Weg liefen – bewusst, dass dies ganz und gar nicht von mir beabsichtigt war und so kam ich doch noch unpünktlich zur abschließenden Visite Diagnosefrage von Kind 1*. Grob erzählte jeder Therapeut wie er das Kind sowohl einzeln als auch in einem sozialen Gefüge wahrgenommen hatte und es war allen recht schnell bewusst, dass der Ansatz in der Familiensituation zu finden sei. Auch die Depression des Jungen sollte fachkompetent behandelt werden und eine Nachhilfe organisiert werden, wobei letzteres ein problematisches Thema darstellte, denn der Familie mangelte es an finanziellem Freiraum.

Mein neuer Patient, Kind 3*, war arabischer Herkunft. Nach einem Autounfall stelle man neurologisch bedingte Schäden im Sprachzentrum fest und motorische Schwierigkeiten, welche seine linke Körperhälfte betrafen. Kommuniziert wurde in einfachem Englisch. Zunächst bekam er ein Bilderrätzel vorgesetzt, was ihm anscheinend gut gefiel. Als nächstes wurde ich wieder genötigt ein Gesellschaftsspiel zu spielen. So langsam machte sich in mir das Gefühl breit, in meiner gesamten Zeit ihr in der Klinik mehr Gesellschaftsspiele gespielt zu haben als in meinem gesamten Leben, was eigentlich nur von Zicke-Zacke-Hühnerkacke und Memory ausgefüllt. Allerdings habe ich mir bei keinem einzigen eingestehen wollen, dass es mir dennoch Spaß gemacht hat. Außer vielleicht Uno.

Kind 2* suchte ich um 10:00 Uhr auf. Es sollte meine letzte Stunde mit ihr werden und ich muss nun gestehen, dass ich zugegeben etwas gerührt und traurig von dem Gedanken war.

In der Heilpädagogischen Spielbeobachtung traf ich auf Kind 1*, welches mich nötigte/zwang/drängelte/anflehte (zutreffendes Verb bitte anstreichen) mit mir ein Kartenspiel zu spielen, was nur aus Zahlen und Zählen bestand. Achja und taktischem Denken. Ich mochte weder Zahlen noch alles was logische Schlussfolgerungen von mir abverlange, doch ließ ich nach und gab mich dem Spiel hin. Auch Kind 1* sollte ich heute das letzte Mal sehen, da es am Folgetag entlassen werden sollte. Ich gewann.

Ich nahm Kind 1* mit zu seiner letzten Sitzung. Dort wurde ihm indirekt seine Diagnose dargelegt und gemeinsam nach Lösungen gesucht. Seine Lösung war deutlich: Er wollte in der Klinik bleiben. Ich konnte ihn verstehen. Auch von diesem Patienten nahm ich Abschied.
Nach dem Mittagessen und einer 2 ½-stündigen Pause, durfte ich um 16 Uhr beim Treffen des so genannten Psychoteams dabei sein, welches sich wöchentlich zum Ende der Woche traf und Neuzugänge, sowieso sonstige Planungen und eventuelle Praktikanten mit abgeschlossenem Bachelor besprach. Wer sich solche Treffen seriös vorstellt, der täuscht sich. Ich hatte mich also getäuscht und erfuhr, dass auch Neuropsychologen Zechabende planen. Mit Nikolausmützen.

Zuletzt wurde ich auf die Epilespie-Schulung des folgenden Tages vorbereitet.

Diesmal träumte ich nicht von orangefarbenen, hübschen Männern in Klinikoutfits, sondern von Nikoläusen in weißen Puscheltangas. (Ok, das war gelogen.)

Dritter Tag: Ich als Froschfigur oder: die hübschen Männer in Orange.

Mein dritter Tag begann um 08:15 Uhr und so machte ich mich auf den Weg zur Klinik-Schule, welche dieses Mal als erste auf meinem „Stundenplan“ vermerkt war. Diesmal um meine Französisch-Kenntnisse zum Besten zu geben, die leider genauso dürftig vorhanden sind wie meine mathematischen.

Da ich mich bereits daran gewöhnt hatte mich von einer kompetenten Person des Hauses von Ort zu Ort manövrieren zu lassen, stand ich plötzlich etwas alleingelassen den Ergotherapeuten im Weg und wusste nicht wohin mit mir. Laut Plan wurde ich jetzt in der Physiomotorik-Gruppe gebraucht, doch wusste ich nicht im Geringsten wo diese zu orten war bzw. wo sie stattfinden sollte. Doch mit der Hilfe eines netten, jungen Mannes, der aussah wie Albert Einstein in jungen Jahren, fand ich schließlich die Person, welche ursprünglich eigentlich mich finden sollte und nicht umgekehrt. Die Physiomotorik Gruppe stellte sich letztlich als ein Sporteinheit für Kleinkinder heraus. Im Zeitraum einer Dreiviertelstunde missbrauchte man mich mehrfach als hüpfender Frosch,  „armer kranker Bär“ mit Schmerzen und als Suchmaschine für das Versteckspiel. Ich muss zugeben, dass ich von dieser Lerneinheit wenig begeistert war.

Als nächstes erwartete mich wieder Kind 2*, welches ich bereits am Montag kennenlernen durfte. Nachdem man den HAWIK-Test erfolgreich beendet hatte, wollte die Neuropsychologin nun die Aufmerksamkeit des Kinds untersuchen, um eventuell eine mögliche Lernbehinderung diagnostizieren zu können. Das dafür notwendige Testverfahren war auf einem Laptop abgespeichert und beanspruchte höchste Konzentration seitens des Patienten. Auch die geteilte Aufmerksamkeit wurde untersucht, welche den frontalen Bereich des Gehirns besonders beanspruchte.
Test1: Sich auf die Mitte des Bildschirm konzentrieren und beim Aufflackern eines weißen Kreuzes sofort die Taste drücken.
Test2 (für geteilte Aufmerksamkeit): Sich mit den Augen auf den Bildschirm konzentrieren und nur dann drücken, wenn auf einem Raster mit Kreuzen, die Kreuze ein Quadrat ergeben. Gleichzeitig auf die hohen und tiefen Töne achten. Bei zwei aufeinanderfolgenden gleichen Tönen sofort die Taste drücken.
Auch Kind 1* sollte ich heute wiedertreffen. Nachdem man nun eindeutig vermuten konnte, dass kein Konzentrations- oder Gedächtnisschwäche vorlag, verdächtige man nun die Familienverhältnisse, welche das Kind nun mithilfe von Figuren nachstellen sollte. Verdächtig war, dass er sich anscheinend unter Druck gesetzt fühlte und teilweise bedrückt wirkte. Zudem ließ ihm das Wohnverhältnis der Familie (ein Raum und ein Tisch für ihn und seine Schwester) anscheinend keine Privatsphäre, was für einen Jungen seines Alters eigentlich sehr wichtig ist. Das Ergebnis des Befragungsbogens zu einer möglichen Depression ließ deutlich werden wie sehr er noch an dem Tod seines Opas nagte, der für ihn nach der Trennung seiner Eltern eine Art Vaterfigur darstellte, und welcher besagte, dass man bei ihm durchaus eine leichte Depression feststellen konnte.

Nach dieser interessanten Therapiestunden stand ich wieder alleine da, hatte ich doch Hunger und wollte deswegen zum Personalessenraum. Auf der Suche dorthin verirrte ich mich ausversehen in die Station der Physiotherapeuten. Was ich da sah, würde wahrscheinlich jedes Frauenherz höher schlagen lassen: attraktive, junge Männer in Orange, im heiratsfähigen und unverbrauchten Alter. Betört von meinem plötzlich attraktiv gewordenen Umfeld, versuchte ich mich in ein verzweifeltes Reh hineinzuversetzen und gleichzeitig auch so zu schauen. Und tatsächlich, einer der orangefarbenen Schönlinge nahm meinen affektierten Hilfeschrei war und gab mir eine Kurzbeschreibung des Weges, die ich allerdings nur teilweise mitbekam, da ich in Gedanken unentwegt damit beschäftigt war die sinnlichen Kurven seines Mundes nachzufahren.

Nachdem meine Orientierung dann doch ihren ersten Erfolg zählen konnte, machte ich mich mit vollen Magen auf den Weg zur Musiktherapie. In der ersten Stunden wurden hauptsächlich optimistische und motivierende Lieder gesungen, die ein Mensch zuvor geschrieben haben muss als er durch eine rosarote Brille die Welt betrachtete und sich einbildete jeder schlechte Tag hätte auch etwas Gutes. Doch das ist nun mal der Sinn einer Musiktherapie; dem Patienten die Lust am Leben zu vermitteln und mit Musik näherzubringen. Die zweite Stunde war dagegen durchaus interessanter. Ich bekam Besuch von zwei sehr jungen Patienten im wachkomatösen Zustand und konnte mir zunächst gar nicht vorstellen wie solch eine Form der Therapie hier weiterhelfen sollte. Das Wachkoma, auch apallisches Syndrom genannt, ist ein Zustand, in dem der Mensch zwar wach ist aber diesen Zustand und sein Ich nicht wahrnimmt. Es wäre jedoch falsch zu behaupten, der Körper könne demnach auf nichts mehr reagieren. Das Gegenteil wurde mir bewiesen: Die kleinen Füße der Patienten wurden auf eine Trommel gelegt, welcher zur gleichen Zeit gespielt wurde. Sofort verlangsamte sich die Atmung des einen und die Atemzüge wurden tiefer; seine Augenlider waren nun schlossen – ein Zeichen der körperlichen Entspannung. Der andere zeigte wiederum mehr körperliche Regungen bei helleren Klängen, z.B. bei dem Ton von klirrenden Klangstäben, der er erstaunlicherweise immer wieder anstieß, wenn der Klang am Verstummen war.

Nach diesen interessanten Eindrücken, ging ich wieder die Treppen hoch, Richtung Praktikantenzimmer. Auf der fünften Stufe hielt ich jedoch kurz inne und überlegte, ob ich mich nicht nochmal zu der Station der hübschen Physios verlaufen sollte –natürlich ganz ungewollt. Allerdings besann ich mich dann doch eines Besseres und schämte mich beinahe für diesen kindischen und pubertären Gedanken. Was mich allerdings nicht vom Träumen abhielt,…

* Aufgrund der Schweigepflicht ist es mir nicht gestattet den Namen des Kindes und seine Daten zu erwähnen.

Zweiter Tag: Ein Vanillehörnchen und die Araber.

Dieser begann für mich um 08:30 Uhr im Erwachsenenbereich der Neurologie, wo ich bis 14:00 Uhr beschäftigt werden sollte.

Mit einem Vanillehörnchen aus der Cafeteria bewaffnet, grüßte ich mampfend den Neuropsychologen. Auch diesmal war meine eigentlich vorhandene Selbstständigkeit dankbar dafür, dass man mich an Ort und Stelle des Geschehens brachte. Als wir endlich angekommen waren, war mein Vanillehörnchen bereits verschwunden und ich durfte mich an dem für mich bereitstehenden Kaffee gütlich tun, was ich sehr nett fand.

Nach zwei Tassen wurde ich einer Kollegin vorgestellt, welche mich zur sogenannten „Schmerztherapie“ begleiten sollte. Ich litt keine Schmerzen, doch taten dies die Patienten dort umso mehr – Menschen mit chronischen Schmerzen. (Menschen mit chronischen Schmerzen sehen im Übrigen auch so aus als hätten sie chronische Schmerzen). Zunächst wurde der Schmerzkreislauf erläutert: Es beginnt mit dem Schmerzimpuls. Durch Depressionen oder andere negative Gefühle ausgelöst, spannen sich die Muskeln an, was wiederum schmerzverstärkend wirkt und geschwächt durch nicht vorhandenes Selbstvertrauen, versucht der Patient gar nicht erst einen Ausweg aus besagtem Kreislauf zu finden. Nun wurde folgender Lösungsweg vorgeschlagen: Trotz des Schmerzimpulses sollte sich der Patient bewusst positiven Gefühlen aussetzen, wodurch eine angenehme Stimmung entsteht, sich der Körper entspannt und der Schmerz handhabbar gemacht wird. Der Patient gewinnt dadurch mehr Vertrauen in sich selbst und der Kreislauf beginnt von vorne. Für mich hörte es sich realtiv logisch und einfach an, doch scheint es für die Patienten eine eher schwierige Angelegenheit zu sein. Zuletzt behandelten wir die Eingangstor-Kontroll-Theorie (gate-control-theory). Diese besagt nichts anderes als dass man mit einer negativen Stimmung das, was um einen herum passiert auch dementsprechend schlecht bewertet, was einen wiederum in einen noch schlechteren Gemütszustand versetzt. Auffallend war, dass sich viele Patienten am Gespräch beteiligten und auch von ihren eigenen Erfahrungen berichteten.

Mein erster erwachsener Patient war ein Araber. (Hier sollte ich vielleicht hinzufügen, dass in der Neurologie für Erwachsene über 50% Patienten eine arabische Herkunft haben). Araber 1* erlitt nach einem Autounfall so schwere neurologische Schäden, dass seine Motorik eingeschränkt wurde. Dies äußerte sich in Zitterattacken, die den gesamten Körper, besonders die Extremitäten, trafen. Bei jeder noch so kleinen Bewegung fingen diese an zu zittern. Eine Physiotherapeutin versuchte durch gleichmäßige Bewegungen der Beine und Arme das „Shaking“ zu unterbinden. Man konnte beobachten, wie bei einem kontinuierlichen Bewegungsprozess beider Etremitäten das Zittern nachließ. Später wurde bei ihm noch der Weigl-Test durchgeführt, um seine Wahrnehmung zu testen.

Araberin 2* hatte in der Vergangenheit ebenfalls einen Autounfall, wonach sie ein Gehirntrauma erlitt und man zusätzlich das Posttraumatische Belastungssyndrom bei ihr diagnostizierte. Einen Zugang zu ihr hatte man jedoch nur, wenn man mit ihr malte. Ich habe das letzte Mal ein Mandala ausgemalt als ich acht Jahre alt war und im Kindergarten nichts besseres zu tun hatte, doch machte ich es nun unter diesen Umständen gerne. Nach einer halben Stunde waren wir fertig und sie zeigte ihrem Mann stolz ihr Mandala.

Die ganze Zeit hatte ich in Englisch kommuniziert, was mir nichts ausmachte; doch in der nächsten Stunde durfte ich beobachten wie man selbst mit der Weltsprache nicht weiterkam. Ein Araber 3* und seine Ehefrau wurden zur Anamnese befragt. Er, der nach einem Anfall auf der rechten Seite gelähmt war, sprach außerordentlich schlecht – egal in welcher Sprache – , und seine Ehefrau war sehr motiviert und sprach – was eine Rettung war – fließend Englisch. Doch der psychische Zustand des Patienten erschwerte die Anamnese beträchtlich und auch die Ehefrau wusste nicht immer weiter. Es entstand ein Wirrwarr aus arabischen, deutschen und englischen Wortfetzen. Die dadurch provozierte Verwirrung im Raum, die sich langsam einstelle, beäuge ich auch im Nachhinein noch kritisch.

Um 14:00 Uhr fand im Mehrzweckraum eine Team-Fortbildung statt, in welcher der Plan-Do-Check-Act  vorgestellt wurde. Mit Hilfe dieses Konzepts sollten Kinder mit physischer als auch psychischer Behinderung ihr Handeln im Alltag hinterfragen und ihnen eine Stütze sein bei der Bewältigung alltäglicher Handlungen, die zunächst wie ein Problem erscheinen, aufgrund der eingeschränkten motorischen Fähigkeiten. Die Darstellung des Themas erfolgte durch eine Power-Point-Präsentation und amüsanten Videos.
Um 16:00 Uhr war mein zweiter Tag als Hospitantin beendet. Ich diagnostizierte bei mir Müdigkeit und als Therapieeinheit folgte ein Mittagsschlaf, den ich nun nicht erläutern und erklären werde.

* Aufgrund der Schweigepflicht ist es mir nicht gestattet den Namen des Erwachsenen und seine Daten zu erwähnen.

Erster Tag

Es ist 17 Uhr und ich kann meinen ersten Tag als Hospitantin in der Neuropädiatrie als beendet betrachten. Mein Praktikantenzimmer befindet sich im Personaltrakt, versteckt hinter dem Notausgang, auf Station I irgendwo auf der zweiten Etage. Mit dem Begriff irgendwo lässt sich das System aus Stationen und Abteilungen hier in der Klinik relativ exakt beschreiben, was es einem nicht gerade einfach macht.

Der Tag begann mit drei Kaffees und einem, bis auf den Kaffee, leeren Magen. Zunächst führte mich ein Psychologe durch die gesamte Neuropädiatrie, welche aus den drei Rehabilitationsstationen A, B und C besteht. Besonders häufig anzutreffen sind Beinahe-Ertrinkungsfälle, Kinder mit Gehirntumoren und solche, die durch Autounfälle neurologische Schädigungen davongetragen haben und somit durch eine physische oder psychische Behinderung an einem normalen Lebensstil gehindert werden.

Danach erfolgte die C-Reha-Visite mit diversen Therapeuten (Neuropsychologen, Ergotherapeuten, Physiologen, usw.). In der C-Reha sind ausschließlich Kinder stationiert, welche trotz ihrer Behinderung bereits in der Lage sind alltägliche Fähigkeiten wieder wahrzunehmen. Hier werden besonders die Kompetenzen der Ergotherapeuten benötigt, welche zusammen mit dem Kind und den Eltern versuchen genau diese alltäglichen Fähigkeiten und die dazugehörige Motorik zu verbessern, in welchen es durch die Behinderung eingeschränkt wurde.

Um 10:15 durfte ich meinen ersten Patienten kennenlernen. Bei Kind 1* lag ein Verdacht auf Konzentrationsschwäche bzw. einer generellen Lernschwäche vor, wie mir gesagt wurde. Ein Gedächtnistest und noch viele andere Testverfahren sollten Klarheit verschaffen. Dem Jungen wurden 16 Wörter vorgelesen (z.B. Trommel, Glocke, Haus, usw.), die er sich gut einprägen sollte, denn nach dem ersten Durchlauf war es seine Aufgabe so viele wie möglich zu wiederholen. Laut strengem Testverfahren sollten fünf Durchläufe erfolgen. Allerdings benötige der Junge lediglich drei Durchläufe, sodass in mir schon hier erste Zweifel aufkeimten, ob seine Eltern sich nicht doch in ihrer Annahme geirrt haben mochten. Nachdem ihm weitere 16 Wörter vorgelesen wurden, spielten wir das altbekannte Kartenspiel Uno – ich habe dieses Spiel zuletzt vor 10 Jahren gesehen und mit Leidenschaft gespielt als ich in einem Zug nach Tschechien saß. Nachdem mir Kind 1 erfolgreich die Spielregeln erläutert hatte und sich diese frisch in mein Hirn einbrennen konnten, spielten wir drei Runden, nach welchen die 16 Wörter im Kopf des Jungen immer noch präsent waren. Auch die Neuropsychologin war nun sichtlich überrascht. Die Visite und anschließende Diagnose dieses Patienten könnten eine Überraschung werden – auch für die Eltern.

Da in der Klinik auch Kinder stationiert sind, welche aufgrund ihrer schweren Behinderung ein ganzes Jahr in genau dieser gefürchteten Institution verweilen müssen, ist auch die Existenz einer Klinik-Schule unabdingbar. Diese stand als nächster Punkt auf meinem „Stundenplan“ und dort sollte ich auch meine nächste Patientin, Kind 2*, kennenlernen. Diese erzählte mir später, dass sie aufgrund eines epileptischen Anfalls in der Klinik stationiert war, doch auch bald wieder Heim dürfe. Das ist wahrlich nicht schön, doch nicht schön ist auch das, was nun von mir gefordert wurde: Mathe. Mit einer unglücklichen vier auf dem Zeugnis gesegnet versuchte ich mich wieder in die Prozentrechnung rein zu denken, was sich dann doch als weniger problematisch herausstellte.

Auf Kind 2 wurde in meiner nächsten Stunde der HAWIK-Test angewandt – der bekannteste Intelligenztest unter Psychologen. Dieser besteht aus mehreren Fragen, welche in ihrem Schwierigkeitsgrad variieren können. Mit den einfachsten Fragen wird angefangen. Je nach dem welche Antwort der Patient von sich gibt, werden Punkte vergeben, die man am Schluss zusammenrechnet und welche letztlich den IQ des Kindes ergeben. Bei Kind 2 hatte ich den Eindruck, dass es sich bei den Fragen eher schwer tat und auch recht schnell aufgab, wenn es merkte, dass es einem komplexeren Lösungsaufwand bedarf. Besonders gute Antworten brachte es bei Fragen, die sein moralisches und soziales Bewusstseinsempfinden ansprachen. Bei komplexeren Fragen mit Fremdwörtern, fühlte es sich leicht überfordert und gab schnell auf, ohne überhaupt erst Versuche anzustellen eine Antwort zu formulieren. Erst auf sanftes Drängen seitens der Therapeutin folgen erste verbale Versuche mit manchmal mehr manchmal weniger Erfolg. Das Ergebnis des HAWIK-Tests, also den IQ des Mädchens, erfuhr ich in der Woche leider nicht mehr, doch gehe ich davon aus, dass er unter dem Durchschnittswert liegt.

Zusammen mit der Neuropsychologin machte ich mich gegen 14 Uhr auf den Weg zum Personalessensraum, wobei es weniger einem Weg als einer Art Pilgerwanderung ähnelte. Nach sechs durchschrittenen Gängen, 23 Abbiegungen und drei Türen, durfte ich mein Mahl endlich einnehmen.
Zuletzt erfolgte die Abklärung organisatorischer Feinheiten bis 17 Uhr. Auf den Weg in mein Zimmer verirrte ich mich genau drei Mal. Tag 1 ist vorbei.

* Aufgrund der Schweigepflicht ist es mir nicht gestattet den Namen des Kindes und seine Daten zu erwähnen.