4. Januar 2013

Erster Tag

Es ist 17 Uhr und ich kann meinen ersten Tag als Hospitantin in der Neuropädiatrie als beendet betrachten. Mein Praktikantenzimmer befindet sich im Personaltrakt, versteckt hinter dem Notausgang, auf Station I irgendwo auf der zweiten Etage. Mit dem Begriff irgendwo lässt sich das System aus Stationen und Abteilungen hier in der Klinik relativ exakt beschreiben, was es einem nicht gerade einfach macht.

Der Tag begann mit drei Kaffees und einem, bis auf den Kaffee, leeren Magen. Zunächst führte mich ein Psychologe durch die gesamte Neuropädiatrie, welche aus den drei Rehabilitationsstationen A, B und C besteht. Besonders häufig anzutreffen sind Beinahe-Ertrinkungsfälle, Kinder mit Gehirntumoren und solche, die durch Autounfälle neurologische Schädigungen davongetragen haben und somit durch eine physische oder psychische Behinderung an einem normalen Lebensstil gehindert werden.

Danach erfolgte die C-Reha-Visite mit diversen Therapeuten (Neuropsychologen, Ergotherapeuten, Physiologen, usw.). In der C-Reha sind ausschließlich Kinder stationiert, welche trotz ihrer Behinderung bereits in der Lage sind alltägliche Fähigkeiten wieder wahrzunehmen. Hier werden besonders die Kompetenzen der Ergotherapeuten benötigt, welche zusammen mit dem Kind und den Eltern versuchen genau diese alltäglichen Fähigkeiten und die dazugehörige Motorik zu verbessern, in welchen es durch die Behinderung eingeschränkt wurde.

Um 10:15 durfte ich meinen ersten Patienten kennenlernen. Bei Kind 1* lag ein Verdacht auf Konzentrationsschwäche bzw. einer generellen Lernschwäche vor, wie mir gesagt wurde. Ein Gedächtnistest und noch viele andere Testverfahren sollten Klarheit verschaffen. Dem Jungen wurden 16 Wörter vorgelesen (z.B. Trommel, Glocke, Haus, usw.), die er sich gut einprägen sollte, denn nach dem ersten Durchlauf war es seine Aufgabe so viele wie möglich zu wiederholen. Laut strengem Testverfahren sollten fünf Durchläufe erfolgen. Allerdings benötige der Junge lediglich drei Durchläufe, sodass in mir schon hier erste Zweifel aufkeimten, ob seine Eltern sich nicht doch in ihrer Annahme geirrt haben mochten. Nachdem ihm weitere 16 Wörter vorgelesen wurden, spielten wir das altbekannte Kartenspiel Uno – ich habe dieses Spiel zuletzt vor 10 Jahren gesehen und mit Leidenschaft gespielt als ich in einem Zug nach Tschechien saß. Nachdem mir Kind 1 erfolgreich die Spielregeln erläutert hatte und sich diese frisch in mein Hirn einbrennen konnten, spielten wir drei Runden, nach welchen die 16 Wörter im Kopf des Jungen immer noch präsent waren. Auch die Neuropsychologin war nun sichtlich überrascht. Die Visite und anschließende Diagnose dieses Patienten könnten eine Überraschung werden – auch für die Eltern.

Da in der Klinik auch Kinder stationiert sind, welche aufgrund ihrer schweren Behinderung ein ganzes Jahr in genau dieser gefürchteten Institution verweilen müssen, ist auch die Existenz einer Klinik-Schule unabdingbar. Diese stand als nächster Punkt auf meinem „Stundenplan“ und dort sollte ich auch meine nächste Patientin, Kind 2*, kennenlernen. Diese erzählte mir später, dass sie aufgrund eines epileptischen Anfalls in der Klinik stationiert war, doch auch bald wieder Heim dürfe. Das ist wahrlich nicht schön, doch nicht schön ist auch das, was nun von mir gefordert wurde: Mathe. Mit einer unglücklichen vier auf dem Zeugnis gesegnet versuchte ich mich wieder in die Prozentrechnung rein zu denken, was sich dann doch als weniger problematisch herausstellte.

Auf Kind 2 wurde in meiner nächsten Stunde der HAWIK-Test angewandt – der bekannteste Intelligenztest unter Psychologen. Dieser besteht aus mehreren Fragen, welche in ihrem Schwierigkeitsgrad variieren können. Mit den einfachsten Fragen wird angefangen. Je nach dem welche Antwort der Patient von sich gibt, werden Punkte vergeben, die man am Schluss zusammenrechnet und welche letztlich den IQ des Kindes ergeben. Bei Kind 2 hatte ich den Eindruck, dass es sich bei den Fragen eher schwer tat und auch recht schnell aufgab, wenn es merkte, dass es einem komplexeren Lösungsaufwand bedarf. Besonders gute Antworten brachte es bei Fragen, die sein moralisches und soziales Bewusstseinsempfinden ansprachen. Bei komplexeren Fragen mit Fremdwörtern, fühlte es sich leicht überfordert und gab schnell auf, ohne überhaupt erst Versuche anzustellen eine Antwort zu formulieren. Erst auf sanftes Drängen seitens der Therapeutin folgen erste verbale Versuche mit manchmal mehr manchmal weniger Erfolg. Das Ergebnis des HAWIK-Tests, also den IQ des Mädchens, erfuhr ich in der Woche leider nicht mehr, doch gehe ich davon aus, dass er unter dem Durchschnittswert liegt.

Zusammen mit der Neuropsychologin machte ich mich gegen 14 Uhr auf den Weg zum Personalessensraum, wobei es weniger einem Weg als einer Art Pilgerwanderung ähnelte. Nach sechs durchschrittenen Gängen, 23 Abbiegungen und drei Türen, durfte ich mein Mahl endlich einnehmen.
Zuletzt erfolgte die Abklärung organisatorischer Feinheiten bis 17 Uhr. Auf den Weg in mein Zimmer verirrte ich mich genau drei Mal. Tag 1 ist vorbei.

* Aufgrund der Schweigepflicht ist es mir nicht gestattet den Namen des Kindes und seine Daten zu erwähnen.