Auch am vierten Tag wurde mein Orientierungssinn nicht unterstützt
und so musste er abermals herumirren und die vorbeieilenden Schwestern
trotz Hilflosigkeit ehrlich anlächeln. Irgendwann wurde dann einer
netten Dame – als wir uns das fünfte Mal in der selben Station über den
Weg liefen – bewusst, dass dies ganz und gar nicht von mir beabsichtigt
war und so kam ich doch noch unpünktlich zur abschließenden Visite Diagnosefrage von Kind 1*.
Grob erzählte jeder Therapeut wie er das Kind sowohl einzeln als auch
in einem sozialen Gefüge wahrgenommen hatte und es war allen recht
schnell bewusst, dass der Ansatz in der Familiensituation zu finden sei.
Auch die Depression des Jungen sollte fachkompetent behandelt werden
und eine Nachhilfe organisiert werden, wobei letzteres ein
problematisches Thema darstellte, denn der Familie mangelte es an
finanziellem Freiraum.
Mein neuer Patient, Kind 3*, war arabischer
Herkunft. Nach einem Autounfall stelle man neurologisch bedingte Schäden
im Sprachzentrum fest und motorische Schwierigkeiten, welche seine
linke Körperhälfte betrafen. Kommuniziert wurde in einfachem Englisch.
Zunächst bekam er ein Bilderrätzel vorgesetzt, was ihm anscheinend gut
gefiel. Als nächstes wurde ich wieder genötigt ein Gesellschaftsspiel zu
spielen. So langsam machte sich in mir das Gefühl breit, in meiner
gesamten Zeit ihr in der Klinik mehr Gesellschaftsspiele gespielt zu
haben als in meinem gesamten Leben, was eigentlich nur von Zicke-Zacke-Hühnerkacke und Memory
ausgefüllt. Allerdings habe ich mir bei keinem einzigen eingestehen
wollen, dass es mir dennoch Spaß gemacht hat. Außer vielleicht Uno.
Kind 2* suchte ich um 10:00 Uhr auf. Es sollte meine
letzte Stunde mit ihr werden und ich muss nun gestehen, dass ich
zugegeben etwas gerührt und traurig von dem Gedanken war.
In der Heilpädagogischen Spielbeobachtung traf ich auf Kind 1*,
welches mich nötigte/zwang/drängelte/anflehte (zutreffendes Verb bitte
anstreichen) mit mir ein Kartenspiel zu spielen, was nur aus Zahlen und
Zählen bestand. Achja und taktischem Denken. Ich mochte weder Zahlen
noch alles was logische Schlussfolgerungen von mir abverlange, doch ließ
ich nach und gab mich dem Spiel hin. Auch Kind 1* sollte ich heute das
letzte Mal sehen, da es am Folgetag entlassen werden sollte. Ich gewann.
Ich nahm Kind 1* mit zu seiner letzten Sitzung. Dort
wurde ihm indirekt seine Diagnose dargelegt und gemeinsam nach Lösungen
gesucht. Seine Lösung war deutlich: Er wollte in der Klinik bleiben.
Ich konnte ihn verstehen. Auch von diesem Patienten nahm ich Abschied.
Nach dem Mittagessen und einer 2 ½-stündigen Pause, durfte ich um 16 Uhr beim Treffen des so genannten Psychoteams
dabei sein, welches sich wöchentlich zum Ende der Woche traf und
Neuzugänge, sowieso sonstige Planungen und eventuelle Praktikanten mit
abgeschlossenem Bachelor besprach. Wer sich solche Treffen seriös
vorstellt, der täuscht sich. Ich hatte mich also getäuscht und erfuhr,
dass auch Neuropsychologen Zechabende planen. Mit Nikolausmützen.
Zuletzt wurde ich auf die Epilespie-Schulung des folgenden Tages vorbereitet.
Diesmal träumte ich nicht von orangefarbenen, hübschen Männern in
Klinikoutfits, sondern von Nikoläusen in weißen Puscheltangas. (Ok, das
war gelogen.)