4. Januar 2013

Zweiter Tag: Ein Vanillehörnchen und die Araber.

Dieser begann für mich um 08:30 Uhr im Erwachsenenbereich der Neurologie, wo ich bis 14:00 Uhr beschäftigt werden sollte.

Mit einem Vanillehörnchen aus der Cafeteria bewaffnet, grüßte ich mampfend den Neuropsychologen. Auch diesmal war meine eigentlich vorhandene Selbstständigkeit dankbar dafür, dass man mich an Ort und Stelle des Geschehens brachte. Als wir endlich angekommen waren, war mein Vanillehörnchen bereits verschwunden und ich durfte mich an dem für mich bereitstehenden Kaffee gütlich tun, was ich sehr nett fand.

Nach zwei Tassen wurde ich einer Kollegin vorgestellt, welche mich zur sogenannten Schmerztherapie“ begleiten sollte. Ich litt keine Schmerzen, doch taten dies die Patienten dort umso mehr – Menschen mit chronischen Schmerzen. (Menschen mit chronischen Schmerzen sehen im Übrigen auch so aus als hätten sie chronische Schmerzen). Zunächst wurde der Schmerzkreislauf erläutert: Es beginnt mit dem Schmerzimpuls. Durch Depressionen oder andere negative Gefühle ausgelöst, spannen sich die Muskeln an, was wiederum schmerzverstärkend wirkt und geschwächt durch nicht vorhandenes Selbstvertrauen, versucht der Patient gar nicht erst einen Ausweg aus besagtem Kreislauf zu finden. Nun wurde folgender Lösungsweg vorgeschlagen: Trotz des Schmerzimpulses sollte sich der Patient bewusst positiven Gefühlen aussetzen, wodurch eine angenehme Stimmung entsteht, sich der Körper entspannt und der Schmerz handhabbar gemacht wird. Der Patient gewinnt dadurch mehr Vertrauen in sich selbst und der Kreislauf beginnt von vorne. Für mich hörte es sich realtiv logisch und einfach an, doch scheint es für die Patienten eine eher schwierige Angelegenheit zu sein. Zuletzt behandelten wir die Eingangstor-Kontroll-Theorie (gate-control-theory). Diese besagt nichts anderes als dass man mit einer negativen Stimmung das, was um einen herum passiert auch dementsprechend schlecht bewertet, was einen wiederum in einen noch schlechteren Gemütszustand versetzt. Auffallend war, dass sich viele Patienten am Gespräch beteiligten und auch von ihren eigenen Erfahrungen berichteten.

Mein erster erwachsener Patient war ein Araber. (Hier sollte ich vielleicht hinzufügen, dass in der Neurologie für Erwachsene über 50% Patienten eine arabische Herkunft haben). Araber 1* erlitt nach einem Autounfall so schwere neurologische Schäden, dass seine Motorik eingeschränkt wurde. Dies äußerte sich in Zitterattacken, die den gesamten Körper, besonders die Extremitäten, trafen. Bei jeder noch so kleinen Bewegung fingen diese an zu zittern. Eine Physiotherapeutin versuchte durch gleichmäßige Bewegungen der Beine und Arme das „Shaking“ zu unterbinden. Man konnte beobachten, wie bei einem kontinuierlichen Bewegungsprozess beider Etremitäten das Zittern nachließ. Später wurde bei ihm noch der Weigl-Test durchgeführt, um seine Wahrnehmung zu testen.

Araberin 2* hatte in der Vergangenheit ebenfalls einen Autounfall, wonach sie ein Gehirntrauma erlitt und man zusätzlich das Posttraumatische Belastungssyndrom bei ihr diagnostizierte. Einen Zugang zu ihr hatte man jedoch nur, wenn man mit ihr malte. Ich habe das letzte Mal ein Mandala ausgemalt als ich acht Jahre alt war und im Kindergarten nichts besseres zu tun hatte, doch machte ich es nun unter diesen Umständen gerne. Nach einer halben Stunde waren wir fertig und sie zeigte ihrem Mann stolz ihr Mandala.

Die ganze Zeit hatte ich in Englisch kommuniziert, was mir nichts ausmachte; doch in der nächsten Stunde durfte ich beobachten wie man selbst mit der Weltsprache nicht weiterkam. Ein Araber 3* und seine Ehefrau wurden zur Anamnese befragt. Er, der nach einem Anfall auf der rechten Seite gelähmt war, sprach außerordentlich schlecht – egal in welcher Sprache – , und seine Ehefrau war sehr motiviert und sprach – was eine Rettung war – fließend Englisch. Doch der psychische Zustand des Patienten erschwerte die Anamnese beträchtlich und auch die Ehefrau wusste nicht immer weiter. Es entstand ein Wirrwarr aus arabischen, deutschen und englischen Wortfetzen. Die dadurch provozierte Verwirrung im Raum, die sich langsam einstelle, beäuge ich auch im Nachhinein noch kritisch.

Um 14:00 Uhr fand im Mehrzweckraum eine Team-Fortbildung statt, in welcher der Plan-Do-Check-Act  vorgestellt wurde. Mit Hilfe dieses Konzepts sollten Kinder mit physischer als auch psychischer Behinderung ihr Handeln im Alltag hinterfragen und ihnen eine Stütze sein bei der Bewältigung alltäglicher Handlungen, die zunächst wie ein Problem erscheinen, aufgrund der eingeschränkten motorischen Fähigkeiten. Die Darstellung des Themas erfolgte durch eine Power-Point-Präsentation und amüsanten Videos.
Um 16:00 Uhr war mein zweiter Tag als Hospitantin beendet. Ich diagnostizierte bei mir Müdigkeit und als Therapieeinheit folgte ein Mittagsschlaf, den ich nun nicht erläutern und erklären werde.

* Aufgrund der Schweigepflicht ist es mir nicht gestattet den Namen des Erwachsenen und seine Daten zu erwähnen.