Dieser begann für mich um 08:30 Uhr im Erwachsenenbereich der Neurologie, wo ich bis 14:00 Uhr beschäftigt werden sollte.
Mit einem Vanillehörnchen aus der Cafeteria bewaffnet, grüßte ich
mampfend den Neuropsychologen. Auch diesmal war meine eigentlich
vorhandene Selbstständigkeit dankbar dafür, dass man mich an Ort und
Stelle des Geschehens brachte. Als wir endlich angekommen waren, war
mein Vanillehörnchen bereits verschwunden und ich durfte mich an dem für
mich bereitstehenden Kaffee gütlich tun, was ich sehr nett fand.
Nach zwei Tassen wurde ich einer Kollegin vorgestellt, welche mich zur sogenannten „Schmerztherapie“
begleiten sollte. Ich litt keine Schmerzen, doch taten dies die
Patienten dort umso mehr – Menschen mit chronischen Schmerzen. (Menschen
mit chronischen Schmerzen sehen im Übrigen auch so aus als hätten sie
chronische Schmerzen). Zunächst wurde der Schmerzkreislauf erläutert: Es
beginnt mit dem Schmerzimpuls. Durch Depressionen oder andere negative
Gefühle ausgelöst, spannen sich die Muskeln an, was wiederum
schmerzverstärkend wirkt und geschwächt durch nicht vorhandenes
Selbstvertrauen, versucht der Patient gar nicht erst einen Ausweg aus
besagtem Kreislauf zu finden. Nun wurde folgender Lösungsweg
vorgeschlagen: Trotz des Schmerzimpulses sollte sich der Patient bewusst
positiven Gefühlen aussetzen, wodurch eine angenehme Stimmung entsteht,
sich der Körper entspannt und der Schmerz handhabbar gemacht wird. Der
Patient gewinnt dadurch mehr Vertrauen in sich selbst und der Kreislauf
beginnt von vorne. Für mich hörte es sich realtiv logisch und einfach
an, doch scheint es für die Patienten eine eher schwierige Angelegenheit
zu sein. Zuletzt behandelten wir die Eingangstor-Kontroll-Theorie (gate-control-theory).
Diese besagt nichts anderes als dass man mit einer negativen Stimmung
das, was um einen herum passiert auch dementsprechend schlecht bewertet,
was einen wiederum in einen noch schlechteren Gemütszustand versetzt.
Auffallend war, dass sich viele Patienten am Gespräch beteiligten und
auch von ihren eigenen Erfahrungen berichteten.
Mein erster erwachsener Patient war ein Araber. (Hier sollte ich
vielleicht hinzufügen, dass in der Neurologie für Erwachsene über 50%
Patienten eine arabische Herkunft haben). Araber 1*
erlitt nach einem Autounfall so schwere neurologische Schäden, dass
seine Motorik eingeschränkt wurde. Dies äußerte sich in Zitterattacken,
die den gesamten Körper, besonders die Extremitäten, trafen. Bei jeder
noch so kleinen Bewegung fingen diese an zu zittern. Eine
Physiotherapeutin versuchte durch gleichmäßige Bewegungen der Beine und
Arme das „Shaking“ zu unterbinden. Man konnte beobachten, wie bei einem
kontinuierlichen Bewegungsprozess beider Etremitäten das Zittern
nachließ. Später wurde bei ihm noch der Weigl-Test durchgeführt, um
seine Wahrnehmung zu testen.
Araberin 2* hatte in der Vergangenheit ebenfalls
einen Autounfall, wonach sie ein Gehirntrauma erlitt und man zusätzlich
das Posttraumatische Belastungssyndrom bei ihr diagnostizierte. Einen
Zugang zu ihr hatte man jedoch nur, wenn man mit ihr malte. Ich habe das
letzte Mal ein Mandala ausgemalt als ich acht Jahre alt war und im
Kindergarten nichts besseres zu tun hatte, doch machte ich es nun unter
diesen Umständen gerne. Nach einer halben Stunde waren wir fertig und
sie zeigte ihrem Mann stolz ihr Mandala.
Die ganze Zeit hatte ich in Englisch kommuniziert, was mir nichts
ausmachte; doch in der nächsten Stunde durfte ich beobachten wie man
selbst mit der Weltsprache nicht weiterkam. Ein Araber 3*
und seine Ehefrau wurden zur Anamnese befragt. Er, der nach einem
Anfall auf der rechten Seite gelähmt war, sprach außerordentlich
schlecht – egal in welcher Sprache – , und seine Ehefrau war sehr
motiviert und sprach – was eine Rettung war – fließend Englisch. Doch
der psychische Zustand des Patienten erschwerte die Anamnese
beträchtlich und auch die Ehefrau wusste nicht immer weiter. Es entstand
ein Wirrwarr aus arabischen, deutschen und englischen Wortfetzen. Die
dadurch provozierte Verwirrung im Raum, die sich langsam einstelle,
beäuge ich auch im Nachhinein noch kritisch.
Um 14:00 Uhr fand im Mehrzweckraum eine Team-Fortbildung statt, in welcher der Plan-Do-Check-Act
vorgestellt wurde. Mit Hilfe dieses Konzepts sollten Kinder mit
physischer als auch psychischer Behinderung ihr Handeln im Alltag
hinterfragen und ihnen eine Stütze sein bei der Bewältigung alltäglicher
Handlungen, die zunächst wie ein Problem erscheinen, aufgrund der
eingeschränkten motorischen Fähigkeiten. Die Darstellung des Themas
erfolgte durch eine Power-Point-Präsentation und amüsanten Videos.
Um 16:00 Uhr war mein zweiter Tag als Hospitantin beendet. Ich
diagnostizierte bei mir Müdigkeit und als Therapieeinheit folgte ein
Mittagsschlaf, den ich nun nicht erläutern und erklären werde.
* Aufgrund der Schweigepflicht ist es mir nicht gestattet den Namen des Erwachsenen und seine Daten zu erwähnen.